„… und sie werden nicht mehr frei ihr ganzes Leben.“

Schulpädagogik zwischen 1933-1945

Mit den Worten aus der Überschrift endet ein Hitler-Zitat (Hitler 1938 aus Giesecke; Hitlers Pädagogen; 1993; Weinheim und München, Seite 17), welches im Gesamttext seine Idealvorstellungen über die Erziehung der deutschen Jugend beinhaltet. Darin beschreibt er, wie männliche Jugendliche ab dem Alter von 10 Jahren lückenlos verschiedene Organisationen durchlaufen, vom sogenannten „Jungvolk“ bis hin zur Wehrmacht, und „ganze Nationalsozialisten“ werden.

Im Rahmen einer Hausarbeit versuchte ich im Jahr 2001 die Rolle der Pädagogik bei der Durchsetzung der Nationalsozialistischen Ideologie am Beispiel des Schulwesens im Dritten Reich zu beleuchten. Ich wollte verstehen, wie die NS-Erziehung die damalige Schülergeneration möglicherweise geprägt hat.

Nach einer Einführung in die programmatischen Aussagen der Nationalsozialisten zum Thema „Erziehung“ werden in der Hausarbeit die Kernaussagen der Theorie von Ernst Kriek als einem der tonangebendem Vertreter der Pädagogik im Dritten Reich vorgestellt. Am Beispiel des Schulwesens werden dann die theoretischen Aussagen Krieks den stattgefundenen Veränderungen im Schulwesen gegenübergestellt. Im Rahmen der Kritik findet eine Auseinandersetzung mit dem Beitrag der Pädagogik Krieks an der Konsolidierung des Nationalsozialistischen Regimes statt.

Pädagogische Theorie von Ernst Kriek

Kriek galt unter den Erziehungswissenschaftlern der Weimarer Republik aufgrund seiner Thesen als Außenseiter. Er trat 1932 in den Nationalsozialistischen Lehrerbund sowie damit verbunden in die NSDAP ein. „Angesichts der kulturellen Dürftigkeit der NS-Bewegung wurde Krieks Übertritt freudig begrüßt, schließlich galt er als bedeutender Wissenschaftler.“ (Giesecke; 1993; 43). Nach der Machtergreifung wurde Kriek Rektor an der Universität Frankfurt, erhielt einen Lehrstuhl an der Universität Heidelberg und wurde auch dort Rektor. Kriek sah in der nationalsozialistischen Bewegung die Möglichkeit der Umsetzung seiner Thesen. Seine zahlreichen Publikationen wurden im Dritten Reich zur pädagogischen Standardliteratur. 1922 veröffentlichte Kriek das vielbeachtete Buch „Philosophie der Erziehung“. Die hierin vertretenen Thesen wichen stark von denen der damals tonangebenden geisteswissenschaftlichen Pädagogik ab und sind im folgenden kurz dargestellt:

  • Erziehung beschreibt er als soziales Phänomen, als eine „..überall und jederzeit in der Menschheit sich vollziehende geistige Grundfunktion.“ Erziehung sei wie Religion, Recht und Sprache eine „notwendige und ursprüngliche Gegebenheit“. Kriek schreibt allen Lebensfunktionen und Lebensformen durch „ihr bloßes Wirken und ihre Existenz“ eine Erziehertätigkeit zu. (Hojer, 1997, 87). Diese „funktionale Erziehung“ ereigne sich nicht nur auf der rationalen Ebene, die Erziehungsabsichten, Ziele und Methoden beinhalte und in Schulen und Hochschulen angewandt wurde. Kriek schließt in seinen Erziehungsbegriff zwei weitere Ebenen ein, die eine Ebene umfasse „unbewusste Wirkungen“, „Bindungen“ und „Beziehungen von Mensch zu Mensch“ sowie zum anderen die „Ebene des bewussten sozialen Handelns“ im Alltag. An der Erziehung von Kindern  ist nach Kriek nicht die Intention der Eltern oder Lehrer entscheidend, sondern die Art und Weise, wie Kinder in den sozialen Gemeinschaften aufwachsen.
  • Im Gegensatz zur Reformpädagogik, welche die Bedeutung einer Erziehung zur Individualität hervorhebt, findet nach Kriek in der Erziehung die Formung von „Typen“ statt. Die Persönlichkeit eines Kindes wird danach durch die vorgegeben Sitten und Normen von Gemeinschaften geprägt. Die Ausbildung von Persönlichkeit kann nur innerhalb dieses vorgegebenen Rahmens stattfinden.
  • Während die bisherige Pädagogik die Absichten der Pädagogen und die Möglichkeiten ihrer Realisierung im Mittelpunkt hatten, definiert Kriek die Wirkungen, die von den Gemeinschaften ausgehen als Gegenstand der Pädagogik. Später hebt er die besonders die erzieherische Bedeutung der nationalsozialistischen Massenbewegung und der sogenannten „Formationen“, wie er Gruppen wie die HJ oder die SS bezeichnet, hervor.
  • Das persönliche Verhältnis zwischen Erzieher und zu Erziehendem wurde von Vertretern der geisteswissenschaftlichen Pädagogik wie Hermann Nohl als „Grundlage der Erziehung“ betrachtet (Giesecke; 1997; 223). Kriek sah die erziehende Personen dagegen nur als Funktionsträger der sozialen Gemeinschaften (wie z.B. Familie, Kirche, Volk) und setzte so die Bedeutung der pädagogischen Beziehung herab.
  • Die bisherige Pädagogik unterschied zwischen der Erziehung von Kindern und Jugendlichen und Erwachsenenbildung. Kriek weitet den Begriff der Erziehung auch auf Erwachsene aus.

Giesecke schreibt dazu: „Im Grunde hat nach Kriek das gesamte soziale und gesellschaftliche Leben eine erzieherische Implikation, und in dem Maße, wie der einzelne Mensch Mitglied von Gemeinschaften und Kooperationen ist, wird er auch nach deren jeweiligen Typenerwartungen erzogen und trägt von sich aus im Rahmen seiner sozialen Teilhabe zur Erziehung anderer bei.“ (Giesecke, 1993, 36)

1932 fordert Kriek, angesichts der existenziellen Notlage des deutschen Volkes müsse auch die Wissenschaft politisch werden. Sein Ziel ist die Erneuerung der Gesellschaft als Gesamtorganismus, in dem die einzelnen Menschen sich als ihm zugehörige Glieder wiedererkennen können. Dieses Ziel sei nur über eine Pädagogisierung des gesamten Organismus erreichbar. Das ganze gesellschaftliche Leben müsse so eingerichtet werden, dass es von sich aus erzieherisch wirkt. (vgl. Giesecke, 1993, 34-64)

Die komplette Hausarbeit gibt es hier zum Download:

Die Rolle der Pädagogik Ernst Krieks im Nationalsozialismus am Beispiel des Schulwesens

 

 

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