„… und sie werden nicht mehr frei ihr ganzes Leben.“

Schulpädagogik zwischen 1933-1945

Mit den Worten aus der Überschrift endet ein Hitler-Zitat (Hitler 1938 aus Giesecke; Hitlers Pädagogen; 1993; Weinheim und München, Seite 17), welches im Gesamttext seine Idealvorstellungen über die Erziehung der deutschen Jugend beinhaltet. Darin beschreibt er, wie männliche Jugendliche ab dem Alter von 10 Jahren lückenlos verschiedene Organisationen durchlaufen, vom sogenannten „Jungvolk“ bis hin zur Wehrmacht, und „ganze Nationalsozialisten“ werden.

Im Rahmen einer Hausarbeit versuchte ich im Jahr 2001 die Rolle der Pädagogik bei der Durchsetzung der Nationalsozialistischen Ideologie am Beispiel des Schulwesens im Dritten Reich zu beleuchten. Ich wollte verstehen, wie die NS-Erziehung die damalige Schülergeneration möglicherweise geprägt hat.

Nach einer Einführung in die programmatischen Aussagen der Nationalsozialisten zum Thema „Erziehung“ werden in der Hausarbeit die Kernaussagen der Theorie von Ernst Kriek als einem der tonangebendem Vertreter der Pädagogik im Dritten Reich vorgestellt. Am Beispiel des Schulwesens werden dann die theoretischen Aussagen Krieks den stattgefundenen Veränderungen im Schulwesen gegenübergestellt. Im Rahmen der Kritik findet eine Auseinandersetzung mit dem Beitrag der Pädagogik Krieks an der Konsolidierung des Nationalsozialistischen Regimes statt.

Pädagogische Theorie von Ernst Kriek

Kriek galt unter den Erziehungswissenschaftlern der Weimarer Republik aufgrund seiner Thesen als Außenseiter. Er trat 1932 in den Nationalsozialistischen Lehrerbund sowie damit verbunden in die NSDAP ein. „Angesichts der kulturellen Dürftigkeit der NS-Bewegung wurde Krieks Übertritt freudig begrüßt, schließlich galt er als bedeutender Wissenschaftler.“ (Giesecke; 1993; 43). Nach der Machtergreifung wurde Kriek Rektor an der Universität Frankfurt, erhielt einen Lehrstuhl an der Universität Heidelberg und wurde auch dort Rektor. Kriek sah in der nationalsozialistischen Bewegung die Möglichkeit der Umsetzung seiner Thesen. Seine zahlreichen Publikationen wurden im Dritten Reich zur pädagogischen Standardliteratur. 1922 veröffentlichte Kriek das vielbeachtete Buch „Philosophie der Erziehung“. Die hierin vertretenen Thesen wichen stark von denen der damals tonangebenden geisteswissenschaftlichen Pädagogik ab und sind im folgenden kurz dargestellt:

  • Erziehung beschreibt er als soziales Phänomen, als eine „..überall und jederzeit in der Menschheit sich vollziehende geistige Grundfunktion.“ Erziehung sei wie Religion, Recht und Sprache eine „notwendige und ursprüngliche Gegebenheit“. Kriek schreibt allen Lebensfunktionen und Lebensformen durch „ihr bloßes Wirken und ihre Existenz“ eine Erziehertätigkeit zu. (Hojer, 1997, 87). Diese „funktionale Erziehung“ ereigne sich nicht nur auf der rationalen Ebene, die Erziehungsabsichten, Ziele und Methoden beinhalte und in Schulen und Hochschulen angewandt wurde. Kriek schließt in seinen Erziehungsbegriff zwei weitere Ebenen ein, die eine Ebene umfasse „unbewusste Wirkungen“, „Bindungen“ und „Beziehungen von Mensch zu Mensch“ sowie zum anderen die „Ebene des bewussten sozialen Handelns“ im Alltag. An der Erziehung von Kindern  ist nach Kriek nicht die Intention der Eltern oder Lehrer entscheidend, sondern die Art und Weise, wie Kinder in den sozialen Gemeinschaften aufwachsen.
  • Im Gegensatz zur Reformpädagogik, welche die Bedeutung einer Erziehung zur Individualität hervorhebt, findet nach Kriek in der Erziehung die Formung von „Typen“ statt. Die Persönlichkeit eines Kindes wird danach durch die vorgegeben Sitten und Normen von Gemeinschaften geprägt. Die Ausbildung von Persönlichkeit kann nur innerhalb dieses vorgegebenen Rahmens stattfinden.
  • Während die bisherige Pädagogik die Absichten der Pädagogen und die Möglichkeiten ihrer Realisierung im Mittelpunkt hatten, definiert Kriek die Wirkungen, die von den Gemeinschaften ausgehen als Gegenstand der Pädagogik. Später hebt er die besonders die erzieherische Bedeutung der nationalsozialistischen Massenbewegung und der sogenannten „Formationen“, wie er Gruppen wie die HJ oder die SS bezeichnet, hervor.
  • Das persönliche Verhältnis zwischen Erzieher und zu Erziehendem wurde von Vertretern der geisteswissenschaftlichen Pädagogik wie Hermann Nohl als „Grundlage der Erziehung“ betrachtet (Giesecke; 1997; 223). Kriek sah die erziehende Personen dagegen nur als Funktionsträger der sozialen Gemeinschaften (wie z.B. Familie, Kirche, Volk) und setzte so die Bedeutung der pädagogischen Beziehung herab.
  • Die bisherige Pädagogik unterschied zwischen der Erziehung von Kindern und Jugendlichen und Erwachsenenbildung. Kriek weitet den Begriff der Erziehung auch auf Erwachsene aus.

Giesecke schreibt dazu: „Im Grunde hat nach Kriek das gesamte soziale und gesellschaftliche Leben eine erzieherische Implikation, und in dem Maße, wie der einzelne Mensch Mitglied von Gemeinschaften und Kooperationen ist, wird er auch nach deren jeweiligen Typenerwartungen erzogen und trägt von sich aus im Rahmen seiner sozialen Teilhabe zur Erziehung anderer bei.“ (Giesecke, 1993, 36)

1932 fordert Kriek, angesichts der existenziellen Notlage des deutschen Volkes müsse auch die Wissenschaft politisch werden. Sein Ziel ist die Erneuerung der Gesellschaft als Gesamtorganismus, in dem die einzelnen Menschen sich als ihm zugehörige Glieder wiedererkennen können. Dieses Ziel sei nur über eine Pädagogisierung des gesamten Organismus erreichbar. Das ganze gesellschaftliche Leben müsse so eingerichtet werden, dass es von sich aus erzieherisch wirkt. (vgl. Giesecke, 1993, 34-64)

Hier stelle ich die komplette Hausarbeit bereit:

 

Die Rolle der Pädagogik Ernst Krieks im Nationalsozialismus am Beispiel des Schulwesens

 

Gliederung:

1. Einleitung

2. Erziehungstheorie im Dritten Reich

2.1 Programmatik oder Erziehungskonzept des Nationalsozialismus

2.2 Pädagogische Theorie von Ernst Kriek

3. Umsetzung in der Praxis am Beispiel des Schulwesens

3.1 Die Rahmenbedingungen des Schulwesens

3.2 Der Schulauftrag

3.3 Lernzielbestimmung

3.4 Methodisches Handeln

3.5 Pädagogische Beziehung

4. Kritik

5. Zusammenfassung

 

1. Einleitung

„… und sie werden nicht mehr frei ihr ganzes Leben.“

(Hitler 1938 aus Giesecke, 1993, 17)

Mit diesen Worten endet ein Hitler-Zitat, welches im Gesamttext seine Idealvorstellungen über die Erziehung der deutschen Jugend beinhaltet. Darin beschreibt er, wie männliche Jugendliche ab dem Alter von 10 Jahren lückenlos verschiedene Organisationen durchlaufen, vom sogenannten „Jungvolk“ bis hin zur Wehrmacht, und „ganze Nationalsozialisten“ werden.

 

Diese Hausarbeit versucht die Rolle der Pädagogik bei der Durchsetzung der Nationalsozialistischen Ideologie am Beispiel des Schulwesens im Dritten Reich zu beleuchten. Nach einer Einführung in die programmatischen Aussagen der Nationalsozialisten zum Thema „Erziehung“ werden die Kernaussagen der Theorie von Ernst Kriek als einem der tonangebendem Vertreter der Pädagogik im Dritten Reich vorgestellt. Am Beispiel des Schulwesens werden dann die theoretischen Aussagen Krieks den stattgefundenen Veränderungen im Schulwesen gegenübergestellt. Im Rahmen der Kritik findet eine Auseinandersetzung mit dem Beitrag der Pädagogik Krieks an der Konsolidierung des Nationalsozialistischen Regimes statt.

 

2. Erziehungstheorie im Dritten Reich

2.1 Programmatik oder Erziehungskonzept des Nationalsozialismus

(vgl. Giesecke, 1993, 18-23)

Hitler fordert in seiner Schrift „Mein Kampf“ eine neue Erziehung. Die bisherige Erziehung sei mitschuldig an der Niederlage Deutschlands im ersten Weltkrieg gewesen, da sie nur die wirtschaftliche Karriere des Einzelnen und die Förderung des Egoismus im Sinn gehabt habe. Weiterhin waren seiner Ansicht nach die männlichen soldatischen Tugenden vernachlässigt worden. Die neue Erziehung müsse daher auf Körperertüchtigung und Charakterstärkung abzielen. Die Hauptaufgabe der Erziehung bestehe jedoch darin, die „Reinheit des Blutes“ wiederherzustellen. Dies beinhalte, nur die Fortpflanzung der biologisch Besten zu gewährleisten und die „biologisch Minderwertigen“ daran zu hindern.

 

Hitler erhebt seine Ziele zu einer Gemeinschaftsverpflichtung.  Jeder soll von der Richtigkeit dieser Ziele überzeugt werden und daher sei Erziehung nicht nur auf Kinder und Jugendliche beschränkt. Zur Umsetzung dieser „Volkserziehung“ müsse jedes zur Verfügung stehende Mittel genutzt und alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens erfasst werden:  „… das Buch, die Zeitung, der Vortrag, die Kunst, das Theater, der Film, sie sind alle Mittel dieser Volkserziehung.“

 

Die Erziehungsgrundsätze des völkischen Staates ordnete er in eine Rangfolge. Als erstrangig wurde körperliche Ertüchtigung bewertet,  dann erst die „Ausbildung geistiger Fähigkeiten“.  Körperliche Ertüchtigung wurde zum obersten Ziel staatlicher Erziehungsarbeit erhoben, da sie der Selbsterhaltung des Volkes diene. Unter geistigen Fähigkeiten verstand er in erster Linie „Charakterbildung“ und nachrangig „wissenschaftliche Schulung“. Tugenden eines idealen Charakters waren z.B. „Treue“, „Opferwilligkeit“, „Verschwiegenheit“,  abzuerziehen war z.B. „wehleidiges Heulen“.

 

Nach Giesecke wurden die Grenzen zwischen Erziehung, Bildung, Indoktrination, Agitation und Propaganda im Erziehungskonzept der Nationalsozialisten fließend. Weiterhin sei es weitgehend gelungen, eine Art „eindimensionaler, geschlossener Sozialisation“ für Kinder und Jugendliche zu schaffen, in der andere Denk- und Verhaltensformen nicht kennengelernt werden konnten.“ Als Hitlers Ziel sieht er den lückenlosen Erziehungsstaat. Dem konnte nur noch in den Familien und kirchlichen Organisationen entkommen werden.

 

2.2 Pädagogische Theorie von Ernst Kriek

(vgl. Giesecke, 1993, 34-64)

Kriek galt unter den Erziehungswissenschaftlern der Weimarer Republik aufgrund seiner Thesen als Außenseiter. Er trat 1932 in den Nationalsozialistischen Lehrerbund sowie damit verbunden in die NSDAP ein. „Angesichts der kulturellen Dürftigkeit der NS-Bewegung wurde Krieks Übertritt freudig begrüßt, schließlich galt er als bedeutender Wissenschaftler.“ (Giesecke; 1993; 43). Nach der Machtergreifung wurde Kriek Rektor an der Universität Frankfurt, erhielt einen Lehrstuhl an der Universität Heidelberg und wurde auch dort Rektor. Kriek sah in der nationalsozialistischen Bewegung die Möglichkeit der Umsetzung seiner Thesen. Seine zahlreichen Publikationen wurden im Dritten Reich zur pädagogischen Standardliteratur. 1922 veröffentlichte Kriek das vielbeachtete Buch „Philosophie der Erziehung“. Die hierin vertretenen Thesen wichen stark von denen der damals tonangebenden geisteswissenschaftlichen Pädagogik ab und sind im folgenden kurz dargestellt:

  • Erziehung beschreibt er als soziales Phänomen, als eine „..überall und jederzeit in der Menschheit sich vollziehende geistige Grundfunktion.“ Erziehung sei wie Religion, Recht und Sprache eine „notwendige und ursprüngliche Gegebenheit“. Kriek schreibt allen Lebensfunktionen und Lebensformen durch „ihr bloßes Wirken und ihre Existenz“ eine Erziehertätigkeit zu. (Hojer, 1997, 87). Diese „funktionale Erziehung“ ereigne sich nicht nur auf der rationalen Ebene, die Erziehungsabsichten, Ziele und Methoden beinhalte und in Schulen und Hochschulen angewandt wurde. Kriek schließt in seinen Erziehungsbegriff zwei weitere Ebenen ein, die eine Ebene umfasse „unbewusste Wirkungen“, „Bindungen“ und „Beziehungen von Mensch zu Mensch“ sowie zum anderen die „Ebene des bewussten sozialen Handelns“ im Alltag. An der Erziehung von Kindern  ist nach Kriek nicht die Intention der Eltern oder Lehrer entscheidend, sondern die Art und Weise, wie Kinder in den sozialen Gemeinschaften aufwachsen.
  • Im Gegensatz zur Reformpädagogik, welche die Bedeutung einer Erziehung zur Individualität hervorhebt, findet nach Kriek in der Erziehung die Formung von „Typen“ statt. Die Persönlichkeit eines Kindes wird danach durch die vorgegeben Sitten und Normen von Gemeinschaften geprägt. Die Ausbildung von Persönlichkeit kann nur innerhalb dieses vorgegebenen Rahmens stattfinden.
  • Während die bisherige Pädagogik die Absichten der Pädagogen und die Möglichkeiten ihrer Realisierung im Mittelpunkt hatten, definiert Kriek die Wirkungen, die von den Gemeinschaften ausgehen als Gegenstand der Pädagogik. Später hebt er die besonders die erzieherische Bedeutung der nationalsozialistischen Massenbewegung und der sogenannten „Formationen“, wie er Gruppen wie die HJ oder die SS bezeichnet, hervor.
  • Das persönliche Verhältnis zwischen Erzieher und zu Erziehendem wurde von Vertretern der geisteswissenschaftlichen Pädagogik wie Hermann Nohl als „Grundlage der Erziehung“ betrachtet (Giesecke; 1997; 223). Kriek sah die erziehende Personen dagegen nur als Funktionsträger der sozialen Gemeinschaften (wie z.B. Familie, Kirche, Volk) und setzte so die Bedeutung der pädagogischen Beziehung herab.
  • Die bisherige Pädagogik unterschied zwischen der Erziehung von Kindern und Jugendlichen und Erwachsenenbildung. Kriek weitet den Begriff der Erziehung auch auf Erwachsene aus.

Giesecke schreibt dazu: „Im Grunde hat nach Kriek das gesamte soziale und gesellschaftliche Leben eine erzieherische Implikation, und in dem Maße, wie der einzelne Mensch Mitglied von Gemeinschaften und Kooperationen ist, wird er auch nach deren jeweiligen Typenerwartungen erzogen und trägt von sich aus im Rahmen seiner sozialen Teilhabe zur Erziehung anderer bei.“ (Giesecke, 1993, 36)

1932 fordert Kriek, angesichts der existenziellen Notlage des deutschen Volkes müsse auch die Wissenschaft politisch werden. Sein Ziel ist die Erneuerung der Gesellschaft als Gesamtorganismus, in dem die einzelnen Menschen sich als ihm zugehörige Glieder wiedererkennen können. Dieses Ziel sei nur über eine Pädagogisierung des gesamten Organismus erreichbar. Das ganze gesellschaftliche Leben müsse so eingerichtet werden, dass es von sich aus erzieherisch wirkt.

3. Umsetzung in der Praxis am Beispiel des Schulwesens

Zur Umsetzung der pädagogischen Theorie Krieks in der Praxis schreibt Giesecke, diese sei schwer zu beurteilen, „..da sich damals wie heute z.B. das Schulwesen sich auch dann nicht nach den Ideen von Professoren orientiert, wenn deren Vorstellungen eine breite Akzeptanz haben.“ (Giesecke, 1993, 125).

3.1 Die Rahmenbedingungen des Schulwesens

(vgl. Giesecke, 1993, 125-154)

 a) nach Kriek

Den Nationalsozialismus sieht Kriek als Führer einer völkisch-revolutionären Bewegung, die eine vielversprechende Perspektive bietet und diese durchsetzen soll. 1927 schreibt er: „Die Führung des kommenden Abschnitts deutscher Geschichte liegt bei der Politik: der völkische Staat, der aus der nationalrevolutionären Bewegung heraufsteigt, wird zum Herren und Meister der Kultur des Volkes, der Bildung des Volksgenossen“ (aus Kriek; in Hojer; 1997; 132). Als Gegner in der Erziehung sieht er 1932 „einzelmenschlichen Autonomismus“, in der Bildung den „Humanismus“ (Giesecke; 1993; 43-44).

 b) im Schulalltag

Nach der Machtergreifung begannen die Nationalsozialisten sämtliche Organisationen und Einrichtungen für den eigenen Machterhalt nutzbar zu machen und mögliche politische Gegner auszuschalten. Ab 1933 konnten Lehrer, die nicht Mitglieder der NSDAP waren, entlassen werden. Nichtarische Lehrer mussten in den Ruhestand; Lehrer, die aufgrund ihrer politischen Betätigung aufgefallen waren, konnten ohne Ruhegehalt entlassen werden. Diejenigen Lehrer, die übrig geblieben sind, wurden in Schulungslagern weltanschaulich „umgeschult“. Im Rahmen der Vereinheitlichung wurden 1937 die bis dahin ca. siebzig verschiedenen Oberschulformen auf drei reduziert. Zusätzlich zur bestehenden Volksschule wurden im ganzen Reich die Mittelschulen und 1941 die Hauptschule als Pflichtschule eingeführt.

 

3.2 Der Schulauftrag

 a) nach Kriek

Die Schule hat die Funktion den Schüler als „Glied“ der Gemeinschaft zu einem bestimmten „Typ“ zu bilden. Beispiele für solche Typen sind der Bürger, der Gläubige, der Beamte, der Gelehrte oder der Künstler. Die Schule schafft den Schülern die Grundlage der Persönlichkeit, die im „allgemeinen Typ“ besteht. Erziehung versteht Kriek als Anpassung des Schülers an die Norm der Volksgemeinschaft (vgl. Hojer; 1997; 121-122)

b) nach den offiziellen Richtlinien

Bezüglich der Aufgaben der Schule fand 1933 eine Neuorientierung statt, wie ein Erlass des Reichsministers des Inneren zeigt: „Die oberste Aufgabe der Schule ist die Erziehung der Jugend zum Dienst am Volkstum und Staat im nationalsozialistischen Geist. Alles, was diese Erziehung fördert, zu pflegen; alles, was sie gefährdet, zu meiden und zu bekämpfen. Richtunggebend für die volks- und staatspolitische Erziehung sind die durch die deutsche Freiheitsbewegung bestimmten Ziele der Reichsregierung.“ (Dickopp, 1978,127). Die Schule hat damit also die Aufgabe, die Jugend im nationalsozialistischen Sinn zu erziehen und andere Einflüsse abzuwehren.

1938/39 erließ das Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung (REM) Richtlinien zum Erziehungsauftrag an Ober- und Volksschulen, die unterschiedliche Schwerpunkte für die beiden Schultypen beinhalteten. In den Volksschulen wurde die Schulklasse als Gemeinschaft verstanden, welche die „Volksgemeinschaft“ repräsentieren sollte. Darin hat der Lehrer die Rolle eines „Führers“,  aber auch innerhalb der Klasse sollen „Führerauslese und Führerbildung“ stattfinden. Schwächere Schüler sollen von Lehrern und Mitschülern unterstützt werden. Aktuelle Geschehnisse und Festlichkeiten sind mit in den Schulalltag einzubeziehen.

In den Oberschulen stand die fachliche Leistung der Schüler mehr im Mittelpunkt. Die Schüler sollten zu Selbstständigkeit und eigenem Denken angeregt werden. Das Selbstvertrauen und die Freude an der eigenen Leistung sollen gefördert werden. Zur Rolle des Lehrers heißt es, er habe die Aufgabe Ziele zu setzen und „die Führung fest in der Hand“ zu haben. In den Richtlinien ist von „Wachsenlassen und Führen“ als „sich ergänzende Grundsätze planvoller Erziehung“ die Rede. (Giesecke; 1993; 131-136).

 

3.3 Lernzielbestimmung

 a) nach Kriek

Kriek tritt für eine neue Schule und Bildung ein. Dafür seien die „führenden rassischen Werte“, die den „völkischen und politischen Aufgaben“ dienen, „aus dem überlieferten Kulturgut … auszulesen“. Stamm- und rassefremde Erzeugnisse“ müssen „bekämpft“ werden (aus Kriek, in Hojer; 1997; 132).

 b) im Schulalltag

(vgl. Giesecke, 1993, 125-154)

Kurz nach der Machtergreifung Hitlers werden neue Inhalte in den Unterricht eingebracht. Dazu gehörte eine Zuordnung der „Rassenkunde“ zum Fach Biologie. Im Rahmen des Geschichtsunterrichts wurde nun die nationalsozialistische Sicht der deutschen Geschichte propagiert. Die Leistungen im Sportunterricht wurden als Kriterien für Aufnahme- und Abschlussprüfungen verwendet. In der Mittel- und Oberschule hatten dauerhafte Leistungsunfähigkeit oder ernste körperliche Leiden einen Verweis von der Schule zur Folge.

 

3.4 Methodisches Handeln

 a) nach Kriek

Der Schulunterricht gehört nach Kriek zum Bereich der rationalen Erziehung. Unterricht sieht er als Technik, wobei seine Konzeption und Methoden belanglos sind. Sinnvoll ist nur jener Unterricht, der auf der Gesamterziehung der nationalen Volksgemeinschaft beruht und deren Normen, bzw. die „Lehren der Gemeinschaft oder des Volkstums“ als Inhalte vermittelt (Hojer, 1997, 119-120).

b) im Schulalltag

Giesecke sieht das pädagogische Handlungsrepertoire als in hohem Maße systemunabhängig an. Die Nationalsozialisten haben hierzu keinerlei Vorgaben gemacht (Giesecke; 1993; 286-287).

 

3.5 Pädagogische Beziehung

 a) nach Kriek

Wie bereits erwähnt sah Kriek die erziehenden Personen als Funktionsträger der sozialen Gemeinschaften. Die pädagogische Beziehung hat für ihn nur eine geringe Bedeutung.

 b) im Schulalltag

Das Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler war von der ständigen Gefahr der Denunziation geprägt. Dabei konnte sowohl der Lehrer von den Schülern, als auch der Schüler von den Lehrern angezeigt werden. Dies machte ein Vertrauensverhältnis unmöglich.

 
4. Kritik

Im Rahmen der Kritik möchte nur auf einige Inhalte der pädagogischen Theorie Krieks eingehen. Während der Einarbeitung in die Literatur empfand ich seine Thesen oftmals als abstrus, verworren, unlogisch und unscharf. Er verlässt immer wieder den Bereich einer wissenschaftlichen Theorie und macht ideologische Aussagen. Nach dem Duden ist unter einer Ideologie ein „an eine soziale Gruppe, eine Kultur o.ä. gebundenes System von Weltanschauungen, Grundeinstellungen und  Wertungen“ zu verstehen (Duden; 1982). Besonders unter Krieks Aussagen zum Schulwesen, z.B. die Vermittlung „führender rassischer Werte“ in der Schule, sind ideologische Ansichten vertreten, welche die Eingriffe des Nationalsozialistischen Staates unter einem pädagogischen Deckmantel legitimierten.

Durch seine Anerkennung des völkischen Staates als „Herren und Meister“ der Kultur und Bildung gibt er der Politik einen Freibrief zur Umsetzung bzw. Festsetzung der unmenschlichen NS-Ideologie im Erziehungswesen.

Auch seine Definition von Erziehung, die den heutigen Begriff der Sozialisation miteinbezieht, war für den Nationalsozialismus nützlich. Da alle Vorgänge, die sich in sozialen Gruppen abspielen, dem positiv besetzten Begriff der „Erziehung“ zuzuschreiben waren, erfuhr z.B. die „Umerziehung“ und „Fortbildung“ von Lehrern mit Hilfe von Krieks „Formationserziehung“ eine pädagogische Untermauerung.

Auch Krieks Version des Erziehungsstaates, bzw. die Gestaltung des gesamten öffentlichen Lebens nach erzieherischen Gesichtspunkten, ist kritisch hervorzuheben, besonders, da dieser Gedanke immer wieder in verschiedenen Diktaturen auftaucht, wie z.B. in der DDR. Nach Giesecke ist der Erziehungsstaat in modernen Industrieländern nur mit Gewalt und Repression durchsetzbar (Giesecke; 1993; 62).

In der von mir verwendeten Literatur konnte ich keine Stellungnahme Krieks zum Umgang mit behinderten oder verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen finden. Wer im Dritten Reich als „unerziehbar“ und „erblich minderwertig“ galt, wurde in die Jugend-Konzentrationslager gebracht. Gerade die Pädagogik hat meiner Ansicht nach die Aufgabe, ein Anwalt von Kindern und Jugendlichen zu sein.

5. Zusammenfassung

Nach Hitlers pädagogischen Vorstellungen hat sich die Erziehung an einer Rangfolge zu orientieren, die soldatische Tugenden wie „körperliche Ertüchtigung“ an die erste Stelle und „wissenschaftliche Schulung“ an die letzte Stelle setzt. Zudem fordert er einen Erziehungsstaat, um das gesamte Volk von der Richtigkeit seiner biologisch-rassistischen Vorstellungen zu überzeugen. Dazu seien alle zur Verfügung stehenden Methoden geeignet.

Ernst Kriek steigt 1933 zu einem der tonangebenden Pädagogen auf. Er schreibt dem gesamten gesellschaftlichen und sozialen Leben eine erzieherische Wirkung zu. Menschen werden nach den Normen und Sitten von sozialen Gemeinschaften zu bestimmten „Typen“ erzogen und wirken  als Teil der Gemeinschaft an der Erziehung der anderen mit.

Kriek gibt dem Staat die völlige Handlungsfreiheit auf dem Gebiet der Kultur und Bildung. Nach der Machtergreifung findet in den Schulen eine Personalauslese und „Umerziehung“ sowie eine umfassende Schulreform statt.

In den Richtlinien über den Erziehungsauftrag der Schule wird die Volksschulklasse als ein Abbild der Volksgemeinschaft mit dem Lehrer als „Führer“ beschrieben. In ihr können die Schüler nach den Sitten und Normen der Volksgemeinschaft zum „allgemeinen Typus“ geformt werden. Die Wissensvermittlung hat hier eine untergeordnete Rolle, vorrangig ist die Idee der Teilhabe des Einzelnen am völkischen Leben. Die Oberschule förderte dagegen Leistung, und in einem gewissen Rahmen Individualität und selbstständiges Denken.

Bezüglich der Unterrichtsinhalte äußert sich Kriek, dass den Schülern die „führenden rassischen Werte“ „aus dem überlieferten Kulturgut“ nahegebracht werden sollen. Im Unterricht wird „Rassekunde“ eingeführt, die Bedeutung des Sportunterrichts erhöht und der Geschichtsunterricht umfunktioniert. Kriek betrachtet sowohl die Methodik im Unterricht, als auch die Pädagogische Beziehung zwischen Lehrern und Schülern als unbedeutend. In der Praxis war der Schulalltag von der ständigen Gefahr der Denunziation geprägt.

Kritisch ist neben der legitimierenden Rolle Krieks im Schulwesen und öffentlichen Leben die Verwendung ideologischer Aussagen und Begriffe in seiner pädagogischer Theorie. Auch die Idee des Erziehungsstaates führt in ihrer Konsequenz zu Gewalt und Repression.

Die Pädagogik im Dritten Reich gab schließlich jene Kinder und Jugendliche der Euthanasie und den Jugendkonzentrationslagern preis, denen zu jener Zeit nicht geholfen werden konnte oder geholfen werden wollte.

 

Literatur:

Giesecke; Hitlers Pädagogen; 1993; Weinheim und München

Giesecke; Die pädagogische Beziehung; 1997; Weinheim und München

Speck (Hrsg.); Geschichte der Pädagogik des 20.Jahrhunderts, Band 2; 1978; Stuttgart

Hojer; Nationalsozialismus und Pädagogik; 1997; Würzburg

Der Duden – Fremdwörterbuch; 1982; Mannheim

 

Die komplette Hausarbeit gibt es hier als pdf zum Download:

Die Rolle der Pädagogik Ernst Krieks im Nationalsozialismus am Beispiel des Schulwesens