Krieg als Handwerk

Im Jahr 2004 suchte ich für meine Studie insgesamt zwölf ehemalige Soldaten des Zweiten Weltkriegs auf. Einige lebten Zuhause mit Ihrer Frau, andere wohnten in Pflegeheimen. Diese Menschen berichteten von schlimmen Erlebnissen zu Zeiten des Krieges in ihren jungen Jahren. Sie erzählten nicht darüber, wie sie anderen schlimmes zugefügt haben. Am erstaunlichsten waren für mich die wenig greifbaren Antworten auf die Fragen, die sich mit den eigenen Wertvorstellungen und der Missachtung von Werten befassten. Obwohl die Häfte der Befragten Orientierungsmaßstäbe wie den Glauben oder die Erziehung benannten, konnten so gut wie keine Widersprüche z.B. zwischen dem eigenen Glauben und dem eigenen Handeln als Soldat erkannt werden.

Wie kann das sein?

Antworten darauf fand ich im Buch von Sönke Neitzel und Harald Welzer (Soldaten, Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben). Die Autoren werteten über 100000 Seiten von Abhörprotokollen aus britischen Gefangenenlagern aus. Die beiden Wissenschaftler legen dar, dass es im Krieg für die Soldaten keine Alternativen gab. Die Soldaten wurden in eine „totale“ Umgebung gebracht, die ausschließlich dafür geschaffen war Befehle zu empfangen, diese auszuführen und folglich zu kämpfen und zu töten. Die Orientierungsmaßstäbe in dieser Umgebung waren andere.

„Was und mit wem man als Soldat wann etwas tut, unterliegt nicht der eigenen Wahrnehmung, Deutung und Entscheidung; der Raum, in dem ein Befehl nach eigener Entscheidung und Kompetenz ausgelegt werden kann, ist meist extrem klein.“ (Neitzel, Welzer; S. 32)

Demnach lebten Soldaten in einer Parallelwelt mit eigenen Orientierungsmaßstäben. Diese wurden am stärksten durch die Gruppe der Kameraden und durch die Totalität der Situation bestimmt. Aus den Abhörprotokollen werden Stellen zitiert, die sogar zeigen, dass einige Soldaten sich während des Heimaturlaubs wieder zurück an die Front wünschten. Auch erläutern die beiden Autoren Ähnlichkeiten zwischen Arbeit und Kriegsführung sowie Massenvernichtung: Arbeitsteilung, technische Qualifikationen, hierarchische Struktur. Und auch im Sprachgebrauch der Soldaten und auch bei Mitgliedern der SS werden die eigenen Handlungen im Krieg immer wieder als Arbeit benannt. Das Kriegshandwerk und Kriegsverbrechen wurden zum normalen Verhalten. Soldaten und alle weiteren Akteure waren so vor Schuldgefühlen geschützt und es gab zunächst keinen Widerspruch zu den eigenen Orientierungsmaßstäben.

Eigentlich eine sehr naheliegende und logische Erklärung. Und doch finde ich sie aus unserer heutigen Zeit heraus unheimlich.

Mehr Informationen zum Thema:

Abhörprotokolle aus Kriegsgefangenenlagern

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